Wechselstromleistung und Leistungsfaktor: Übungsaufgaben mit Schritt-für-Schritt-Lösungen
Auch genannt: Wirkleistung · Blindleistung · Scheinleistung · Blindleistungskompensation
Kostenlose Übungsaufgaben zu Wechselstromleistung und Leistungsfaktor mit Skizzen, Tipps und vollständigen Musterlösungen. Jedes Mal neue Werte, in drei Stufen: P und Q einer Last, Leiterstrom, Blindleistungskompensation.
Wechselstromleistung und Leistungsfaktor von Grund auf lernen
Davor: Wechselstrom: Impedanz und Zeiger
1Was Wechselstromleistung ist
In einem Gleichstromkreis ist die Leistung einfach P = V·I. In einem Wechselstromkreis mit einer Spule oder einem Kondensator ist der Strom gegenüber der Spannung zeitlich um einen Winkel φ verschoben.
Wegen dieser Verschiebung fließt ein Teil der Energie nur zwischen Quelle und Last hin und her. Er leistet keine nutzbare Arbeit, aber die Leitungen müssen den Strom dafür trotzdem tragen.
Denk an ein Glas Bier. Das Bier ist der nutzbare Teil, der Schaum nimmt Platz ein, aber man kann ihn nicht trinken, und das Glas muss beides fassen.
- Wirkleistung P in Watt (W): der nutzbare Teil, der zu Wärme, Licht oder Bewegung wird (das Bier).
- Blindleistung Q in Volt-Ampere reaktiv (var): der Teil, der hin und her fließt (der Schaum).
- Scheinleistung S in Voltampere (VA): was die Quelle und die Leitungen tragen müssen (das Glas).
Selbsttest Welche Leistungsart wird zu Wärme, Licht oder mechanischer Arbeit?
- Alle drei gleichermaßen
- Blindleistung Q in var
- Scheinleistung S in VA
- Wirkleistung P in W
Antwort: Wirkleistung P in W. Nur die Wirkleistung P leistet nutzbare Arbeit. Q pendelt nur hin und her, und S ist die Gesamtleistung, die die Quelle liefern muss.
2Das Leistungsdreieck und der Leistungsfaktor
Die drei Leistungen bilden ein rechtwinkliges Dreieck. Der Winkel φ ist derselbe wie der Winkel der Lastimpedanz.
S = V·I P = S·cos φ Q = S·sin φ
S = √(P² + Q²) Q = P·tan φ
Der Leistungsfaktor ist cos φ = P/S. Er gibt an, welcher Anteil der Scheinleistung nutzbare Arbeit leistet. Ein Leistungsfaktor von 1 ist ideal.
Motoren und andere Spulen haben einen nacheilenden (induktiven) Leistungsfaktor: Der Strom eilt der Spannung nach. Kondensatoren ergeben einen voreilenden (kapazitiven) Leistungsfaktor.
Selbsttest Eine Last nimmt 10 A aus einer 230-V-Versorgung bei einem Leistungsfaktor von 0,8 auf. Welche Wirkleistung nimmt sie auf?
- 1380 W
- 1840 W
- 2300 W
- 2875 W
Antwort: 1840 W. P = V·I·cos φ = 230·10·0,8 = 1840 W. 2300 W ist die Scheinleistung S, 1380 W verwendet sin φ = 0,6 statt cos φ, und 2875 W teilt durch den Leistungsfaktor.
3Das Verfahren Schritt für Schritt
- Schreibe auf, was du weißt: V, I, P, den Leistungsfaktor cos φ und ob er nacheilend oder voreilend ist.
- Bestimme den Winkel: φ = arccos(Leistungsfaktor). Dann hast du auch sin φ und tan φ.
- Wenn V und I gegeben sind, beginne mit S = V·I. Dann ist P = S·cos φ und Q = S·sin φ.
- Wenn P gegeben ist, verwende Q = P·tan φ und S = P / cos φ.
- Für den Leiterstrom verwendest du I = P / (V·cos φ), mit P in Watt.
Zeichne das Dreieck mit den Zahlen, die du kennst. Ein Blick zeigt, ob deine Antwort die richtige Größe hat: S ist immer die längste Seite.
4Ein durchgerechnetes Beispiel
Folge jedem Schritt. Versuche, den nächsten vorherzusagen, bevor du ihn öffnest.
Durchgerechnetes BeispielEin Einphasenmotor nimmt 4,6 kW bei einem Leistungsfaktor von 0,8 nacheilend aus einer 230-V-Versorgung auf. Bestimme den Leiterstrom I und die Blindleistung Q.
1φ = arccos(0,8) = 36,9°
Also sin φ = 0,6 und tan φ = 0,75.
2Nur der Wirkanteil der Leistung leistet Arbeit, also teile durch den Leistungsfaktor. Verwende Watt, nicht Kilowatt.
I = P / (V·cos φ) = 4600 / (230·0,8) = 25 A
3Q = P·tan φ = 4,6·0,75 = 3,45 kvar
4S = V·I = 230·25 = 5750 VA = 5,75 kVA. Dann ist Q = S·sin φ = 5,75·0,6 = 3,45 kvar, das gleiche Ergebnis.
Auch √(4,6² + 3,45²) = 5,75, das Dreieck schließt sich also.
Antwort I = 25 A und Q = 3,45 kvar.
5Blindleistungskompensation
Ein niedriger Leistungsfaktor bedeutet bei gleicher Nutzleistung einen großen Strom. Das kostet Geld für dickere Kabel und durch Verluste, deshalb wird er oft kompensiert.
Ein Kondensator, der parallel zur Last geschaltet wird, liefert Blindleistung vor Ort. Die Wirkleistung P bleibt gleich; nur die Blindleistung, die aus der Versorgung bezogen wird, sinkt.
QC = P·(tan φ1 − tan φ2)
Beispiel: Eine 12-kW-Last mit Leistungsfaktor 0,6 hat tan φ1 = 1,33, also Q1 = 16 kvar. Um 0,8 zu erreichen (tan φ2 = 0,75), darf sie nur noch Q2 = 9 kvar beziehen. Der Kondensator liefert 16 − 9 = 7 kvar.
Bei einer 400-V-Versorgung sinkt der Strom von 12000/(400·0,6) = 50 A auf 12000/(400·0,8) = 37,5 A.
Die Kapazität folgt aus QC = V²·ωC:
C = QC / (2π·f·V²)
Selbsttest Eine 20-kW-Last hat tan φ1 = 1 und soll tan φ2 = 0,5 erreichen. Wie viel Blindleistung muss der Kondensator liefern?
- 10 kvar
- 20 kvar
- 30 kvar
- 40 kvar
Antwort: 10 kvar. QC = P·(tan φ1 − tan φ2) = 20·(1 − 0,5) = 10 kvar. 20 kvar ist die gesamte alte Blindleistung, was auf einen Leistungsfaktor von 1 kompensieren würde.
6Häufige Fehler
- cos φ und sin φ verwechseln. P gehört zu cos φ, Q zu sin φ.
- kW mit V verwenden und den Strom 1000-mal zu klein erhalten. Rechne zuerst in Watt um.
- Bei der Stromberechnung mit dem Leistungsfaktor multiplizieren. Der Strom ist größer als P/V, also teilst du.
- Glauben, der Kondensator ändere die Wirkleistung. Er ändert nur Q und damit S und I.
Selbsttest Eine Last nimmt 2 kW bei einem Leistungsfaktor von 0,8 aus einer 250-V-Versorgung auf. Wie groß ist der Leiterstrom?
- 0,01 A
- 10 A
- 6,4 A
- 8 A
Antwort: 10 A. I = P/(V·cos φ) = 2000/(250·0,8) = 10 A. Lässt du P in kW, erhältst du 0,01 A, Multiplizieren mit dem Leistungsfaktor ergibt 6,4 A, und 8 A ignoriert den Leistungsfaktor.
7So sehen Prüfungsaufgaben aus
- Leicht: eine Last mit gegebenem V, I und Leistungsfaktor. Du bestimmst die Wirkleistung P oder die Blindleistung Q.
- Mittel: ein Motor mit gegebenem P (in kW), Leistungsfaktor und V. Du bestimmst den Leiterstrom I oder die Blindleistung Q.
- Schwer: Blindleistungskompensation. Du bestimmst die Blindleistung QC des Kondensators, seine Kapazität C oder den neuen Leiterstrom.
Für den neuen Leiterstrom nach der Kompensation verwendest du den neuen Leistungsfaktor: Ineu = P / (V·cos φ2).
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